SOS Vergessene Pfoten, Hund aus dem Tierschutz,

Ein neuer Hund zieht ein - Teil 2

Nun lebt Devin bereits seit drei Wochen bei uns und täglich rücken wir ein Stückchen näher zusammen. Es ist in manchen Situationen immer noch herausfordernd für alle Beteiligten, aber es ist nichts, was uns aktuell Sorgen bereiten würde oder, was sich nicht in die gewünschte Bahnen lenken ließe.

Woche eins: Devin funktioniert wie ein Uhrwerk, vermutlich gestellt nach dem Alltag seines letzten Aufenthaltsortes. Jeden Morgen um 5.15 Uhr kommt er an unser Bett und schaut, ob es nicht Aufstehzeit ist. Vormittags kommt er trotz ausgiebigem Spaziergang nicht zur Ruhe. Erst nach dem langen Mittagsgang schläft er endlich ein paar Stunden am Stück – dementsprechend anstrengend sind die ersten Tage für mich. Außerdem bekomme ich tagsüber die volle Bandbreite von Devins Stress zu spüren. Er schleppt immer wieder irgendwelche Gegenstände in sein Bettchen, rast wild durch die Wohnung, folgt mir überall hin, fordert mit Nachdruck Aufmerksamkeit von mir ein und macht ab dem vierten Tag ab und an Pippi in die Wohnung. 

Abends immer wieder das gleiche Spiel: Mein Freund kommt nach Hause und Devin ist eingeschüchtert und extrem verängstigt. Misstrauisch beobachtet er jede Bewegung und wird erst zugänglicher, sobald mein Freund still sitzt. Morgens ein ganz anderes Bild: Devin freut sich täglich mehr über unsere Anwesenheit und lässt sich auch von meinem Freund streicheln.

Draußen erlaube ich Devin, an langer und lockerer Leine, Kontakt zu allen Hunden, die ich gut kenne und denen wir aktuell begegnen. Ja, Hundekontakt an der Leine, das ist für mich in Devins Situation ein absolutes Muss. Er hatte, bis er zu uns kam, immer Hunde um sich und konnte sich frei bewegen. Nun galt Leinenpflicht und das ist für ihn schon schwer genug. Zudem ist Devin mit seinen Artgenossen sehr verträglich und er braucht die hündische Nähe. Was würde ich ihm wohl auch vermitteln, wenn er plötzlich um andere Hunde einen Bogen machen sollte? Ansonsten bekommt er, mit mir alleine unterwegs, maximale Schnüffelzeit. In den ersten drei Tagen steckt er seine Nase in gefühlt 100 Tierhöhlen und -löchern. Er folgt aufgeregt Spuren, buddelt viel, erschreckt sich beim kleinsten Geräusch und bleibt immer wieder wie hypnotisiert stehen und schaut sich um. Ich habe das Gefühl, dass er "Wald" nicht wirklich kennt. Egal, ob ein klopfender Specht, ein aufsteigender Reiher, eine Rehherde oder sonstiges - alles scheint ihm, nicht nur hier, sondern generell, völlig fremd zu sein. 

Devin äußert seinen Stress draußen, indem er nahezu alles vom Boden aufnimmt, zerkaut und runterschluckt. Außerdem überdreht er sehr schnell und springt teils wie ein Känguru durch die Gegend. Ich stelle aber auch fest, dass er den Druck schnell wieder abschütteln kann. Bis zum nächsten aufregendem Ereignis ;-).

Devin war bereits von Anfang an sehr schmusebedürftig und orientierte sich toll an mir. Das sind super Voraussetzungen für den weiteren Verlauf unseres Kennenlernens.

Woche zwei: Im Laufe der zweiten Woche geht Devins Stresslevel täglich ein kleines bisschen runter. Seine innere Uhr passt sich unserem Morgenrhythmus an und er freut sich an jedem neuen Tag über ein Wiedersehen mit uns. Abends ist er meinem Freund gegenüber auch in der zweiten Woche wieder wie ausgewechselt. Panische Angst, Misstrauen und Unsicherheit kommen bei Devin stark zum Ausdruck. 

Vormittags kommt Devin wie gehabt nur sehr kurz zur Ruhe und macht immer noch zwischendurch unter sich. Wenn ich telefoniere oder ich längere Zeit (wir reden hier von circa einer Stunde am Stück) beschäftigt bin, kaspert er herum und probiert alles, damit ich mich um ihn kümmere. Tue ich das dann, flippt er teils völlig aus und geht so grob in den Spielmodus, dass er mich jedes Mal fast umhaut. Er schlägt mir unter anderem seine Riesenpfoten buchstäblich um die Ohren und knabbert sehr viel an mir.

Draußen darf er nun nicht mehr einfach so zu jedem Hund. Er soll nun lernen, dass es da gewisse Regeln zu beachten gibt. Morgens gehe ich einmal mit einer Freundin und ihrem Hund gemeinsam spazieren. Ich merke, wie Devin es stresst, dass auf dem Weg gesprochen und gelacht wird. Auch ein zusätzlicher vierbeiniger Begleiter auf seiner morgendlichen Tour dreht ihn maximal auf. So beschließe ich, die nächsten Zeit erst einmal weiterhin nur mit ihm alleine zu gehen - zumindest morgens.

Woche drei: Inzwischen kennt Devin unseren täglichen Ablauf und er hat sich ganz gut darauf eingestellt. Wenn ich die Wohnung kurz verlasse, bleibt er entspannt in seinem Bettchen liegen. Weiterhin fällt es Devin schwer, dass auch an den Vormittagen etwas Ruhe gehalten werden soll. Er akzeptiert, dass er nicht an unsere Einrichtung zu gehen hat und seine "Pippi-in-die-Wohnung-mach-Phase" ist (fast) Geschichte. Auch merkt er, dass seine grobe Art zu spielen, bei mir nicht besonders gut ankommt und er zügelt sich, soweit es ihm möglich ist ;-). Abends, weiterhin auch in der dritten Woche, Panik bei der Heimkehr meines Freundes. Das ist echt traurig mit anzusehen, vor allem, weil Devin morgens und an den Wochenenden auch die Anwesenheit meines Freundes sichtlich genießt.

Draußen lasse ich Devin schon ein paar Mal auf einem großen Feld von der Leine. Er ist voller Freude über den Freilauf und tobt ausgiebig mit mir. Der Rückruf klappt perfekt und er lässt mich nicht aus den Augen. Aber dann ... am Ende der dritten Woche möchte Devin seine Freiheit komplett zurück. Er beißt immer wieder in die Leine, versucht sich das Geschirr abzustreifen, zieht unerbittlich in die Richtung, in die er will und schmeißt sich teils bockig wie ein kleines Kind auf den Boden. Für jeden nahenden Hund würde er mich nun gnadenlos alleine ziehen lassen, so meine Einschätzung. Er kennt sich in inzwischen sehr gut in vielen Teilen seines neuen Reviers aus, beginnt zu markieren und wird immer selbstbewusster. Nun ist wieder Leinenführigkeitstraining angesagt.

Abschließend: Es war anfänglich echt schwer, Devin statt Charly neben mir auf dem Sofa liegen zu sehen. Manchmal rutschte mir auch noch der falsche Name heraus. Beide Hunde sind sich in vielen Dingen sehr ähnlich. So kommt es uns aber auch letztlich zugute, dass Charly uns damals mit seinen Eigenarten so herausgefordert hat, dass wir Devin nun genau das geben können, was er braucht.

Hatte ich bei SOS Vergessene Pfoten noch Fragen nach Devins Vergangenheit, bekam ich sehr schnell Antworten. Und auch ansonsten, weiß ich, dass da jemand ist, der uns im Notfall mit Rat und Tat zur Seite stehen wird.

Es folgt in den nächsten Monaten ein dritter Teil von Devins Einzug. Dann sollte er mental ganz bei uns und in seinem Revier angekommen sein!

Fotos und Text: © Sandra Ullrich

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